Dienstag, 18. September 2018

Von Atréju und der Furchtlosigkeit

Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ ist sicher auch heute noch ein Buch, das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistert. Und das, obwohl es lange vor Harry Potter und dem allgemeinen Fantasy-Boom in Literatur und Film erschien. Beim ersten Lesen begeisterte mich als Jugendliche in der Erzählung am meisten die zweite Hauptfigur Atréju.
In ihr hat Michael Ende nicht nur zahlreiche positive Eigenschaften vereint, sondern auch diverse Anlehnungen an andere große Literaturhelden vorgenommen. So trägt der zehnjährige Atréju sowohl Züge von Karl Mays Winnetou als auch des mittelalterlichen Parzival. Wie ersterer ist er gewandt, mutig, zu allem entschlossen, edel und ausdauernd und geht wie letzterer im Laufe der Geschichte auf eine große Heldenreise.
Im Gegensatz zu seinem Alter Ego Bastian ist Atréju voller Entschlusskraft und ohne Furcht. Nicht umsonst hat Ende seinen Namen aus dem Griechischen entlehnt, abgeleitet von „atreus“, das „furchtlos“ bedeutet. Obwohl Atréjus Umfeld, namentlich der Schwarzzentaur Caíron, daran zweifelt, ob ein kleiner Junge seines Alters der Großen Suche gewachsen ist, lässt sich Atréju durch den Zweifel in keinster Weise verunsichern. Er erkennt die Bedeutung der Aufgabe, die die Kindliche Kaiserin ihm zugedacht hat, und zögert nicht einen Augenblick, sich ihr zu stellen.
Atréju ist für Bastian, der Indianergeschichten mag, besonders die von Karl May, die perfekte Identifikationsfigur, weil er genau die Abenteuer erlebt, über die Bastian so gerne liest. Doch Atréju ist weit mehr für Bastian als nur eine Identifikationsfigur. Atréju werden in der Unendlichen Geschichte alle Eigenschaften zugeschrieben, die Bastian an sich selbst schmerzlich vermisst. Damit wird er rasch zu Bastians Ich-Ideal.
Mit seinen zahlreichen positiven Eigenschaften und der deutlichen Vorbildfunktion ist Atréju allerdings auch sehr schnell die perfekte Identifikationsfigur für den Leser des Romans „Die unendliche Geschichte“. Damit gehört er für mich zu den großen Bücherhelden.

Montag, 18. Juni 2018

Von Onkel Tom und der Nächstenliebe

Die Geschichte vom Schicksal des Onkel Tom war eines der Bücher, die mich in meiner Jugend besonders beeindruckt haben. Der Sklave Tom aus Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ vereint viele positive Eigenschaften in sich. Er ist gutmütig und fromm und kann keiner Fliege etwas zu leide tun. Obwohl ihm im Laufe seines Lebens viel Leid geschieht, wird er nicht verbittert und sinnt nicht auf Rache. Das beweist enorme menschliche Größe.
Selbst unter dem hartherzigen und brutalen Baumwollplantagenbesitzer Legree, der von sich sagt, dass bei ihm kein Sklave länger als sechs Jahre lebt, bleibt Tom seinen christlichen Werten treu. Als er Aufseher werden und andere züchtigen soll, weigert er sich, obwohl er daraufhin natürlich selber schwer misshandelt wird.
Durch seine praktizierte christliche Nächstenliebe übt Tom auch einen positiven Einfluss auf andere aus, was ihn zusätzlich zu einer charakterlich herausragenden Figur macht. Und selbst im Angesicht des Todes weicht er von seiner aufrechten Haltung nicht ab und stirbt schließlich, weil er andere nicht verraten will und sich selbst nicht verleugnen.
Im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Filmheld, dem Sklaven Django, sinnt Onkel Tom zu keinem Zeitpunkt seines Leidenswegs auf Rache oder denkt an Flucht. Sein Widerstand besteht daraus, dass er sein Denken und Handeln ganz auf seine menschlichen Überzeugungen und christlichen Werten ausrichtet. Das bezahlt er mit seinem Leben.
Natürlich wäre Toms Haltung und sein moralisch einwandfreies Verhalten ein ziemlich hehres Ziel für jeden von uns. Und die Verhältnisse unseres Lebens sind wohl auch kaum mit seinen zu vergleichen. Trotzdem kann man sich, wie ich finde, in Zeiten von wachsendem Rassismus und Egoismus auch ab und zu mal wieder an ihn erinnern.

Freitag, 4. Mai 2018

Von Brigitta Maroshely und der Emanzipation

Brigitta Maroshely, die Titelfigur aus Adalbert Stifters Erzählung „Brigitta“, ist vermutlich heutzutage eine eher weniger bekannte Literaturheldin. Dennoch ist sie ein besonderes Beispiel weiblicher Emanzipation, die Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Text erschien, sicher nicht selbstverständlich war. Aber genau deshalb hat sie es verdient, dass man sich ab und zu an sie erinnert.
Brigitta hat zu Beginn ihres Lebens sicher nicht die besten Voraussetzungen, da sie als Kind so hässlich ist, dass selbst ihre Mutter sich von ihr abwendet. Deshalb zieht sie sich meistens in ihr Zimmer zurück und wächst einsam und unverstanden auf. Trotzdem legt sie ein nicht geringes Maß an Selbstbewusstsein an den Tag, das Frauen in ihrer Situation heute vermutlich schwer fallen würde. Als der hübsche Stephan Murai um sie wirbt, fordert sie von ihm entweder grenzenlose Liebe oder Verzicht, also völlig kompromisslos alles oder nichts.
Und ebenso kompromisslos trennt sie sich auch sofort von ihrem Mann, als er nur ein einziges Mal fremdgeht. Nun ist sie alleinerziehende Mutter des gemeinsamen Sohnes, verwaltet ihr eigenes Gut und verrichtet hauptsächlich Männerarbeit. Ein solches Leben wäre auch heute noch ein gutes Beispiel für die überdurchschnittliche Selbstbestimmung einer Frau.
Dazu kommt, dass Stifter seine Protagonistin nicht nur als vernunftbegabt, selbstständig und äußerst tatkräftig beschreibt, sondern auch als angenehm im Umgang und mit einer schönen Seele ausgestattet. Sie ist also nicht nur geradlinig und kompetent, sondern auch menschlich und sozial – eine Mischung, die auch in unserem gegenwärtigen Zusammenleben unverzichtbar ist.

Donnerstag, 12. April 2018

Von Smilla Jaspersen und dem Anderssein

Smilla Jaspersen, die Hauptfigur aus Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, hat mich vor allem deshalb nachhaltig beeindruckt, weil sie so anders ist. Das kann unter Umständen mit ihrer halb-inuitischen Abstammung zu tun haben, weil sie dadurch nur sehr schwer mit der europäischen Kultur zurechtkommt.
Beim Lesen des Romans bekommt man schnell das Gefühl, dass die Gletscherforscherin Smilla nicht nur beruflich mit Kälte zu tun hat. Zerrissen zwischen ihrer grönländischen Herkunft und ihrem jetzigen Leben in Dänemark fristet sie ein ziemlich isoliertes Dasein in einem Kopenhagener Wohnblock. Nur zu dem Inuit-Jungen Jesaja, der zu Beginn des Romans ums Leben kommt, hat sie eine engere Beziehung.
Smilla besitzt eine scharfe, naturwissenschaftlich geschulte Kombinationsgabe und sagt von sich selbst, ihre Liebe zur Mathematik sei größer als die zu den Mitmenschen. Das erweckt einen eher kalten und gefühllosen Eindruck. Nichtsdestotrotz macht sie sich daran, Jesajas mysteriösen Tod, hinter dem sie einen Mord vermutet, aufzudecken, obwohl sie sich dabei immer wieder in Lebensgefahr begibt.
In der taz wurde Smilla einmal als „enorm sympathische, tieftraurige, zerrissene Kratzbürste von überlegenem Intellekt“ bezeichnet. Damit ist sie wohl wirklich anders als die meisten weiblichen Hauptfiguren und wahrscheinlich auch als ein Großteil ihrer Leser. Sie ist mutig, intelligent, zynisch und von den Vorzügen der materiellen westlichen Welt ziemlich unbeeindruckt.
Mit einem Wort: sie ist unangepasst. Sie hat ihren eigenen Kopf und lässt sich auch durch massiven Druck und Drohungen nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Und das macht sie gerade in der heutigen Zeit, wie ich finde, äußerst sympathisch und nachahmenswert.
 
 

Freitag, 23. März 2018

Von Jakob Heym und "Fake News"

Eine Romanfigur, die sicher vielen von uns bereits in der Schulzeit begegnet ist, ist Jakob Heym aus Jurek Beckers Buch „Jakob der Lügner“. Auch sie dürfte den meisten positiv in Erinnerung geblieben sein und ist in Zeiten von Donald Trump und sozialen Netzwerken vielleicht aktueller denn je. Und das obwohl Jakobs „Fake News“ im Gegensatz zu den meisten unserer Falschmeldungen deutlich erfreulichere Auswirkungen haben.
Um den mit ihm in einem Ghetto lebenden Menschen Hoffnung auf Besserung zu geben, behauptet Jakob, ein Radio zu besitzen. Da das im Ghetto verboten ist, bringt er sich mit dieser Lüge in Gefahr, vor allem als sich die Nachricht vom Radio wie ein Lauffeuer verbreitet. Jakob beweist also großen Mut, um anderen zu helfen.
Mit seinen angeblichen Informationen vom Vormarsch der Russen und der dadurch nahenden Befreiung des Ghettos bewirkt Jakob, dass die in Lethargie Verfallenen wieder neuen Lebensmut schöpfen und die Heißblütigen weniger Risiko eingehen. Er übernimmt also durch das bewusste Lügen Verantwortung für das Leben anderer. Sein unauffälliges, fürsorgliches und gewissenhaftes Wesen unterstützt ihn dabei.
Sehr bald trägt er schwer an dieser Verantwortung, die sich im Grunde über die gesamte Einwohnerschaft des Ghettos erstreckt. Jeder baut auf Jakob und sein Radio. So bleibt ihm nichts anderes übrig als immer weiter zu lügen, um seiner Verantwortung gerecht zu werden. Das Leben vieler Menschen liegt sozusagen in seinen Händen.
Dass er mit seiner Verantwortung nicht leichtfertig umgeht, zeigt sich in den Zweifeln und Gewissensbissen, die ihn immer wieder plagen. Dadurch unterscheidet er sich ganz deutlich von Donald Trump und Konsorten, die genau das offensichtlich gar nicht kennen. Das Bewusstsein der eigenen Verantwortung für andere Menschen, Tiere, Pflanzen, etc. ist etwas, das in unserer Welt immer wieder fehlt.
Jakob aber übernimmt Verantwortung. Er hat das nicht geplant oder gewollt, jedoch als es soweit ist, macht er keinen Rückzieher, sondern stellt sich seiner Verantwortung. Dieses Verhalten kann auch fast 50 Jahre nach Erscheinen des Romans noch als Vorbild dienen.

Samstag, 3. März 2018

Von Atticus Finch und der Menschlichkeit

Eine der beeindruckendsten Romanfiguren der Literaturgeschichte ist für mich der Anwalt Atticus Finch aus Harper Lees Buch „Wer die Nachtigall stört“. In seiner absoluten Vorurteilsfreiheit und Rechtschaffenheit ist er ein gelungenes Beispiel für ganz selbstverständlich praktizierte Menschlichkeit. Als solches ist er in der heutigen Zeit, vor allem auch in Amerika, wieder aktueller denn je.
Atticus Finch ist alleinerziehender Vater und für seine Kinder Freund, Vertrauter, Lehrer und Autorität zugleich. In Zeiten von Rassismus, Intoleranz und Vorurteilen schafft er es bravourös, ihnen grundlegende Werte so zu vermitteln, dass sie diese nicht nur ganz selbstverständlich verinnerlichen, sondern auch deren Inhalt und Bedeutung verstehen.
Als Anwalt vereinigt Atticus sowohl Intelligenz als auch einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn in sich. Im Gerichtsverfahren gegen den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson verteidigt er den Angeklagten mit Scharfsinn und Vorurteilsfreiheit, obwohl er dafür wiederholt angefeindet wird und sich selbst sogar in Gefahr bringt. Er steht auch in der ausweglosesten Situation für seine Überzeugung ein und lässt sich in keinster Weise davon abbringen.
Seinen Kindern vermittelt er ausnahmslose Gewaltlosigkeit und Respekt vor jedem einzelnen Menschen, auch vor den Außenseitern der Gesellschaft. Dabei lässt er sich weder von kindlichem Charme noch von der Sturheit seiner Tochter Scout aus dem Konzept bringen. Trotz aller Geradlinigkeit bleibt er in jeder Lage ruhig und besonnen und lässt sich nie auch nur im Geringsten provozieren.
Was aber Atticus Finch in seiner Vorbildhaftigkeit auch noch sympathisch macht, ist die Tatsache, dass er seine vielen positiven Eigenschaften mit solcher Selbstverständlichkeit und Unaufdringlichkeit lebt, dass man sich sicher des Öfteren eine Scheibe davon abschneiden könnte. Somit hat Harper Lee damals eine Romanfigur geschaffen, die auch nach über 50 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat und in unserer heutigen Welt wichtiger wäre denn je.

Montag, 26. Februar 2018

Von den ganz Großen und ihrer Wirkung

Im Laufe eines jahrzehntelangen Lese-Lebens kommen wir mit den unterschiedlichsten Bücherhelden in Berührung. Manche begleiten uns lediglich eine relativ kurze Wegstrecke, weil sie eher dünne Werke bevölkern. Andere treiben auf vielen hundert Seiten ihr Unwesen und wieder andere sogar in mehreren Bänden einer Geschichtenfolge.
Abgesehen vom Umfang eines Buches kann es passieren, dass wir das eine oder andere Werk im Laufe der Jahre immer wieder zur Hand nehmen und auch mehrmals lesen. Diese Bücherhelden begleiten uns dann ein Leben lang und hinterlassen einen entsprechend großen Eindruck bei uns. Und es gibt auch Literaturfiguren, die wir für immer im Gedächtnis behalten, obwohl wir das entsprechende Buch nur ein oder zwei Mal gelesen haben.
Ein Protagonist kann also aus unterschiedlichen Gründen einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen. Entweder weil er uns gleich bei der ersten Begegnung nachhaltig beeindruckt oder aber weil wir ihn über viele Jahre immer besser und intensiver kennenlernen. Mit den Bücherhelden ist es demnach wie mit Bekanntschaften in der Realität. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick oder auch über längere Zeit gewachsene Freundschaften. Manchmal wünscht man sich sogar, dass es die entsprechende Figur so auch in der Wirklichkeit gäbe und wir ihr einmal begegnen dürften.
Um die Bücherhelden, die uns ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen und deren Nähe wir unter Umständen immer wieder suchen, soll es in diesem Blog in den kommenden Monaten gehen. Zunächst kann ich dabei natürlich nur von dem Eindruck ausgehen, den bestimmte Protagonisten bei mir selbst hinterlassen haben. Vielleicht kommt aber auch im Laufe der Zeit der eine oder andere Beitrag von den Lesern dieses Blogs dazu. Unter Umständen handelt es sich dabei auch um Figuren, die ganze Generationen besonders geprägt haben.
Welche Bücherhelden haben Euch nachhaltig beeindruckt? Welche Geschichten nehmt Ihr immer wieder zur Hand? Und welche Figuren werdet Ihr nie vergessen, weil sie Euch irgendwann einmal ein unvergessliches Leseerlebnis beschert haben? Sicher ergibt sich im Austausch über die ganz Großen der Literatur auch die eine oder andere Lektüreempfehlung für das Jahr 2018…