Donnerstag, 12. April 2018

Von Smilla Jaspersen und dem Anderssein

Smilla Jaspersen, die Hauptfigur aus Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, hat mich vor allem deshalb nachhaltig beeindruckt, weil sie so anders ist. Das kann unter Umständen mit ihrer halb-inuitischen Abstammung zu tun haben, weil sie dadurch nur sehr schwer mit der europäischen Kultur zurechtkommt.
Beim Lesen des Romans bekommt man schnell das Gefühl, dass die Gletscherforscherin Smilla nicht nur beruflich mit Kälte zu tun hat. Zerrissen zwischen ihrer grönländischen Herkunft und ihrem jetzigen Leben in Dänemark fristet sie ein ziemlich isoliertes Dasein in einem Kopenhagener Wohnblock. Nur zu dem Inuit-Jungen Jesaja, der zu Beginn des Romans ums Leben kommt, hat sie eine engere Beziehung.
Smilla besitzt eine scharfe, naturwissenschaftlich geschulte Kombinationsgabe und sagt von sich selbst, ihre Liebe zur Mathematik sei größer als die zu den Mitmenschen. Das erweckt einen eher kalten und gefühllosen Eindruck. Nichtsdestotrotz macht sie sich daran, Jesajas mysteriösen Tod, hinter dem sie einen Mord vermutet, aufzudecken, obwohl sie sich dabei immer wieder in Lebensgefahr begibt.
In der taz wurde Smilla einmal als „enorm sympathische, tieftraurige, zerrissene Kratzbürste von überlegenem Intellekt“ bezeichnet. Damit ist sie wohl wirklich anders als die meisten weiblichen Hauptfiguren und wahrscheinlich auch als ein Großteil ihrer Leser. Sie ist mutig, intelligent, zynisch und von den Vorzügen der materiellen westlichen Welt ziemlich unbeeindruckt.
Mit einem Wort: sie ist unangepasst. Sie hat ihren eigenen Kopf und lässt sich auch durch massiven Druck und Drohungen nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Und das macht sie gerade in der heutigen Zeit, wie ich finde, äußerst sympathisch und nachahmenswert.
 
 

Freitag, 23. März 2018

Von Jakob Heym und "Fake News"

Eine Romanfigur, die sicher vielen von uns bereits in der Schulzeit begegnet ist, ist Jakob Heym aus Jurek Beckers Buch „Jakob der Lügner“. Auch sie dürfte den meisten positiv in Erinnerung geblieben sein und ist in Zeiten von Donald Trump und sozialen Netzwerken vielleicht aktueller denn je. Und das obwohl Jakobs „Fake News“ im Gegensatz zu den meisten unserer Falschmeldungen deutlich erfreulichere Auswirkungen haben.
Um den mit ihm in einem Ghetto lebenden Menschen Hoffnung auf Besserung zu geben, behauptet Jakob, ein Radio zu besitzen. Da das im Ghetto verboten ist, bringt er sich mit dieser Lüge in Gefahr, vor allem als sich die Nachricht vom Radio wie ein Lauffeuer verbreitet. Jakob beweist also großen Mut, um anderen zu helfen.
Mit seinen angeblichen Informationen vom Vormarsch der Russen und der dadurch nahenden Befreiung des Ghettos bewirkt Jakob, dass die in Lethargie Verfallenen wieder neuen Lebensmut schöpfen und die Heißblütigen weniger Risiko eingehen. Er übernimmt also durch das bewusste Lügen Verantwortung für das Leben anderer. Sein unauffälliges, fürsorgliches und gewissenhaftes Wesen unterstützt ihn dabei.
Sehr bald trägt er schwer an dieser Verantwortung, die sich im Grunde über die gesamte Einwohnerschaft des Ghettos erstreckt. Jeder baut auf Jakob und sein Radio. So bleibt ihm nichts anderes übrig als immer weiter zu lügen, um seiner Verantwortung gerecht zu werden. Das Leben vieler Menschen liegt sozusagen in seinen Händen.
Dass er mit seiner Verantwortung nicht leichtfertig umgeht, zeigt sich in den Zweifeln und Gewissensbissen, die ihn immer wieder plagen. Dadurch unterscheidet er sich ganz deutlich von Donald Trump und Konsorten, die genau das offensichtlich gar nicht kennen. Das Bewusstsein der eigenen Verantwortung für andere Menschen, Tiere, Pflanzen, etc. ist etwas, das in unserer Welt immer wieder fehlt.
Jakob aber übernimmt Verantwortung. Er hat das nicht geplant oder gewollt, jedoch als es soweit ist, macht er keinen Rückzieher, sondern stellt sich seiner Verantwortung. Dieses Verhalten kann auch fast 50 Jahre nach Erscheinen des Romans noch als Vorbild dienen.

Samstag, 3. März 2018

Von Atticus Finch und der Menschlichkeit

Eine der beeindruckendsten Romanfiguren der Literaturgeschichte ist für mich der Anwalt Atticus Finch aus Harper Lees Buch „Wer die Nachtigall stört“. In seiner absoluten Vorurteilsfreiheit und Rechtschaffenheit ist er ein gelungenes Beispiel für ganz selbstverständlich praktizierte Menschlichkeit. Als solches ist er in der heutigen Zeit, vor allem auch in Amerika, wieder aktueller denn je.
Atticus Finch ist alleinerziehender Vater und für seine Kinder Freund, Vertrauter, Lehrer und Autorität zugleich. In Zeiten von Rassismus, Intoleranz und Vorurteilen schafft er es bravourös, ihnen grundlegende Werte so zu vermitteln, dass sie diese nicht nur ganz selbstverständlich verinnerlichen, sondern auch deren Inhalt und Bedeutung verstehen.
Als Anwalt vereinigt Atticus sowohl Intelligenz als auch einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn in sich. Im Gerichtsverfahren gegen den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson verteidigt er den Angeklagten mit Scharfsinn und Vorurteilsfreiheit, obwohl er dafür wiederholt angefeindet wird und sich selbst sogar in Gefahr bringt. Er steht auch in der ausweglosesten Situation für seine Überzeugung ein und lässt sich in keinster Weise davon abbringen.
Seinen Kindern vermittelt er ausnahmslose Gewaltlosigkeit und Respekt vor jedem einzelnen Menschen, auch vor den Außenseitern der Gesellschaft. Dabei lässt er sich weder von kindlichem Charme noch von der Sturheit seiner Tochter Scout aus dem Konzept bringen. Trotz aller Geradlinigkeit bleibt er in jeder Lage ruhig und besonnen und lässt sich nie auch nur im Geringsten provozieren.
Was aber Atticus Finch in seiner Vorbildhaftigkeit auch noch sympathisch macht, ist die Tatsache, dass er seine vielen positiven Eigenschaften mit solcher Selbstverständlichkeit und Unaufdringlichkeit lebt, dass man sich sicher des Öfteren eine Scheibe davon abschneiden könnte. Somit hat Harper Lee damals eine Romanfigur geschaffen, die auch nach über 50 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat und in unserer heutigen Welt wichtiger wäre denn je.

Montag, 26. Februar 2018

Von den ganz Großen und ihrer Wirkung

Im Laufe eines jahrzehntelangen Lese-Lebens kommen wir mit den unterschiedlichsten Bücherhelden in Berührung. Manche begleiten uns lediglich eine relativ kurze Wegstrecke, weil sie eher dünne Werke bevölkern. Andere treiben auf vielen hundert Seiten ihr Unwesen und wieder andere sogar in mehreren Bänden einer Geschichtenfolge.
Abgesehen vom Umfang eines Buches kann es passieren, dass wir das eine oder andere Werk im Laufe der Jahre immer wieder zur Hand nehmen und auch mehrmals lesen. Diese Bücherhelden begleiten uns dann ein Leben lang und hinterlassen einen entsprechend großen Eindruck bei uns. Und es gibt auch Literaturfiguren, die wir für immer im Gedächtnis behalten, obwohl wir das entsprechende Buch nur ein oder zwei Mal gelesen haben.
Ein Protagonist kann also aus unterschiedlichen Gründen einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen. Entweder weil er uns gleich bei der ersten Begegnung nachhaltig beeindruckt oder aber weil wir ihn über viele Jahre immer besser und intensiver kennenlernen. Mit den Bücherhelden ist es demnach wie mit Bekanntschaften in der Realität. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick oder auch über längere Zeit gewachsene Freundschaften. Manchmal wünscht man sich sogar, dass es die entsprechende Figur so auch in der Wirklichkeit gäbe und wir ihr einmal begegnen dürften.
Um die Bücherhelden, die uns ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen und deren Nähe wir unter Umständen immer wieder suchen, soll es in diesem Blog in den kommenden Monaten gehen. Zunächst kann ich dabei natürlich nur von dem Eindruck ausgehen, den bestimmte Protagonisten bei mir selbst hinterlassen haben. Vielleicht kommt aber auch im Laufe der Zeit der eine oder andere Beitrag von den Lesern dieses Blogs dazu. Unter Umständen handelt es sich dabei auch um Figuren, die ganze Generationen besonders geprägt haben.
Welche Bücherhelden haben Euch nachhaltig beeindruckt? Welche Geschichten nehmt Ihr immer wieder zur Hand? Und welche Figuren werdet Ihr nie vergessen, weil sie Euch irgendwann einmal ein unvergessliches Leseerlebnis beschert haben? Sicher ergibt sich im Austausch über die ganz Großen der Literatur auch die eine oder andere Lektüreempfehlung für das Jahr 2018…

Samstag, 30. Dezember 2017

Adventskalender-Lösung

Für alle, die beim Rätseln in den letzten Wochen die eine oder andere Lücke hatten, und für die, die sich kurz vor Ende des Jahres einfach noch einmal bestätigen lassen möchten, hier der Lösungssatz, das Zitat von Agatha Christie:

"Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau, die am meisten Menschen umgebracht hat, allerdings mit der Schreibmaschine."

Allen Lesern einen guten Rutsch und auf Wiederlesen im Jahr 2018!
 


Sonntag, 24. Dezember 2017

Bücherhelden-Adventskalender (24)

Letztes Türchen beim Bücherhelden-Adventskalender!
Seit 1. Dezember findet Ihr in meinem Blog jeden Tag eine Frage zu berühmten Literaturfiguren. Einige Buchstaben der richtigen Antworten ergeben in der angegebenen Reihenfolge heute einen Ausspruch von Agatha Christie.
Viel Spaß beim Rätseln und Zurückerinnern an so manche spannende Lektüre!

24. Wie heißt der Streifenpolizist in Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“, der das Känguru gerne verhaften würde?
2. und 3. und 5. und 11. und 10. Buchstabe

Frohe Weihnachten!


 

Samstag, 23. Dezember 2017

Bücherhelden-Adventskalender (23)

Endspurt beim Bücherhelden-Adventskalender!
Seit 1. Dezember findet Ihr in meinem Blog jeden Tag eine Frage zu berühmten Literaturfiguren. Einige Buchstaben der richtigen Antworten ergeben in der angegebenen Reihenfolge an Weihnachten den Ausspruch einer der erfolgreichsten Krimiautorinnen der Literaturgeschichte.
Viel Spaß beim Rätseln und Zurückerinnern an so manche spannende Lektüre!

23. Wie heißt das rothaarige Wesen mit der Rüsselnase in Paul Maars erfolgreichem Kinderbuch „Eine Woche voller Samstage“?
3. und 2. und 1. Buchstabe

Bis morgen!