So
komisch das klingt, das Nicht-Schreiben ist für einen Schriftsteller vermutlich
schwieriger als das Schreiben. Zwar gibt es beim Schreiben so unangenehme
Nebenerscheinungen wie Abgabefristen, Verlagsvorgaben und Ideenengpässe, doch
das ist nichts gegen die Phasen, in denen kein Werk entsteht.
Nun
gut, unmittelbar nach der Fertigstellung eines Romans ist es auch mal für eine
gewisse Zeit ganz okay, außer ein paar E-Mails oder Notizen nichts zu schreiben.
Wenn man mal von dem Loch absieht, in das man fallen kann, wenn ein längerer
Schaffensprozess sein Ende gefunden hat. Doch was kommt danach? Wie geht es
weiter?
Die
interessierte Frage von Freunden oder Lesern „Und? Ist das nächste Buch schon
in Arbeit?“ kann erheblichen Druck erzeugen oder den bereits vorhandenen Druck
ungewollt verstärken. Ganz abgesehen davon, was passiert, wenn einem diese
Frage von Agentur- oder Verlagsseite gestellt wird. Welcher Autor traut sich in
einem solchen Fall schon, ganz unbefangen mit einem fröhlichen „Nein“ zu
antworten?
Mir
zumindest fällt die Coolness bei diesem Thema ziemlich schwer. Ganz abgesehen
von dem schlechten Gewissen, das man sich selbst macht, wenn man seit längerem
kein Werk mehr vollendet oder gar angefangen hat. Da hat man als untätiger
Autor nur zwei Möglichkeiten: Entweder lügt man dem Fragenden ganz frech ins
Gesicht, was bei einem fremden Leser einfacher sein dürfte als beim eigenen
Lektor und was weitere, noch viel unangenehmere Fragen nach sich ziehen kann.
Oder
man setzt sich ganz schnell auf seinen Hosenboden und fängt an zu schreiben,
wofür man natürlich die entsprechenden Ideen und auch noch genügend Zeit
braucht. Manchmal jedoch ist das die einfachste Variante, den ewigen Fragen
nach dem nächsten Werk mit Gelassenheit begegnen zu können. Auch wenn es
komisch klingt: Schreiben ist für einen Schriftsteller des Öfteren die Lösung
aller oder zumindest der meisten Probleme…
Was
passiert eigentlich in meiner fiktionalen Wohngemeinschaft, wenn ich mal nicht
schreibe? Was machen meine Mitbewohner, die Romanfiguren, wenn gerade kein
neues Werk in Arbeit ist? Schließlich hat man als Autor auch mal Phasen, in
denen nichts geschaffen wird und sogar gar nichts geschaffen werden kann. Das
könnte an einer Schreibblockade liegen oder auch nur an einem anderen Job. Die
wenigsten Schriftsteller sind in der glücklichen Lage, vom Schreiben allein leben
zu können.
Doch
unsere Romanfiguren existieren weiter – in den Büchern, die wir verfasst haben
und in unseren Köpfen und den Köpfen unserer Leser. Was also passiert mit
ihnen, wenn wir nicht kreativ sind, wenn wir sozusagen eine literarische
Schaffenspause einlegen? Zunächst einmal hängt die Antwort auf diese Frage
nicht unwesentlich davon ab, was wir Autoren auf diesem Gebiet zulassen, also
wieviel Raum wir unseren Figuren trotzdem geben.
Natürlich
kommt es häufig vor, dass man von Lesern auf die eine oder andere Figur
angesprochen wird. In diesem Moment meldet sich dieser Protagonist zu Wort,
macht wieder auf sich aufmerksam. Dann ist es, als käme ein weit gereister
Mitbewohner wieder aus dem Urlaub zurück. Manchmal bleibt er dann länger zu
Hause, beschäftigt einen auch noch nach dem Gespräch für einige Zeit oder eben nicht.
Eine
Romanfigur, die Protagonist mehrerer Bücher ist, wie zum Beispiel der Kommissar
einer Krimireihe oder ähnliches, bringt sich sicher noch häufiger und auch ganz
eigenständig in Erinnerung. Eine solche Figur meldet sich vermutlich auch ohne
äußere Einwirkung zu Wort. Schließlich hat sie ein Anrecht darauf, in weiteren
Werken agieren zu dürfen.
Unangenehm
wird es dann, wenn einem die Romanfiguren so penetrant im Nacken sitzen, dass
einem die eigene Schreibuntätigkeit immer wieder schmerzhaft bewusst wird. Dann
werden die Geschöpfe sozusagen zum Über-Ich und verursachen im schlimmsten Fall
schlechtes Gewissen. Was vielleicht ab und zu auch ganz hilfreich sein kann,
weil man auch als Autor ab und zu einen kleinen Tritt in den Hintern gut
brauchen kann. Und wenn die eigenen Protagonisten das dann übernehmen, umso
besser…
„Sie selber war einfach nur ein zufälliger Mensch. Aber wenn sie ihre historischen Wurzeln kannte, wurde sie etwas weniger zufällig. Sie selber lebte nur wenige Jahre auf diesem Planeten. Aber wenn die Geschichte der Menschheit auch ihre eigene Geschichte war, war sie in gewisser Weise viele tausend Jahre alt.“
Sofie in „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder
„Das Dumme am Tod ist nicht, dass er die Zukunft verändert, sondern dass er uns mit unseren Erinnerungen allein zurücklässt.“
Smilla Jaspersen in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg
„ich
bin so glücklich, ein Mädchen zu sein; wenn ich kein Mädchen wär‘, brächt‘ ich
mich um.“
Wendla in „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind
„Ha!
Dass wir nicht unmittelbar mit den Augen malen! Auf dem langen Wege, aus dem
Auge durch den Arm in den Pinsel, wieviel geht da verloren!“
Conti in „Emilia
Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing
„Ich stehe auf dem Standpunkt, dass der Beruf des Technikers, der mit den Tatsachen fertig wird, immerhin ein männlicher Beruf ist, wenn nicht der einzigmännliche überhaupt.“
Walter Faber in „Homo faber“ von Max Frisch