Michael
Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ ist sicher auch heute noch ein Buch,
das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistert. Und das, obwohl es lange
vor Harry Potter und dem allgemeinen Fantasy-Boom in Literatur und Film
erschien. Beim ersten Lesen begeisterte mich als Jugendliche in der Erzählung
am meisten die zweite Hauptfigur Atréju.
In
ihr hat Michael Ende nicht nur zahlreiche positive Eigenschaften vereint,
sondern auch diverse Anlehnungen an andere große Literaturhelden vorgenommen.
So trägt der zehnjährige Atréju sowohl Züge von Karl Mays Winnetou als auch des
mittelalterlichen Parzival. Wie ersterer ist er gewandt, mutig, zu allem
entschlossen, edel und ausdauernd und geht wie letzterer im Laufe der Geschichte
auf eine große Heldenreise.
Im
Gegensatz zu seinem Alter Ego Bastian ist Atréju voller Entschlusskraft und
ohne Furcht. Nicht umsonst hat Ende seinen Namen aus dem Griechischen entlehnt,
abgeleitet von „atreus“, das „furchtlos“ bedeutet. Obwohl Atréjus Umfeld,
namentlich der Schwarzzentaur Caíron, daran zweifelt, ob ein kleiner Junge
seines Alters der Großen Suche gewachsen ist, lässt sich Atréju durch den
Zweifel in keinster Weise verunsichern. Er erkennt die Bedeutung der Aufgabe,
die die Kindliche Kaiserin ihm zugedacht hat, und zögert nicht einen Augenblick,
sich ihr zu stellen.
Atréju
ist für Bastian, der Indianergeschichten mag, besonders die von Karl May, die
perfekte Identifikationsfigur, weil er genau die Abenteuer erlebt, über die
Bastian so gerne liest. Doch Atréju ist weit mehr für Bastian als nur eine Identifikationsfigur.
Atréju werden in der Unendlichen Geschichte alle Eigenschaften zugeschrieben,
die Bastian an sich selbst schmerzlich vermisst. Damit wird er rasch zu
Bastians Ich-Ideal.
Mit
seinen zahlreichen positiven Eigenschaften und der deutlichen Vorbildfunktion
ist Atréju allerdings auch sehr schnell die perfekte Identifikationsfigur für
den Leser des Romans „Die unendliche Geschichte“. Damit gehört er für mich zu
den großen Bücherhelden.
Die
Geschichte vom Schicksal des Onkel Tom war eines der Bücher, die mich in meiner
Jugend besonders beeindruckt haben. Der Sklave Tom aus Harriet
Beecher Stowes
Roman „Onkel Toms Hütte“ vereint viele positive Eigenschaften in sich. Er ist
gutmütig und fromm und kann keiner Fliege etwas zu leide tun. Obwohl ihm im
Laufe seines Lebens viel Leid geschieht, wird er nicht verbittert und sinnt
nicht auf Rache. Das beweist enorme menschliche Größe.
Selbst
unter dem hartherzigen und brutalen Baumwollplantagenbesitzer Legree, der von
sich sagt, dass bei ihm kein Sklave länger als sechs Jahre lebt, bleibt Tom
seinen christlichen Werten treu. Als er Aufseher werden und andere züchtigen
soll, weigert er sich, obwohl er daraufhin natürlich selber schwer misshandelt
wird.
Durch
seine praktizierte christliche Nächstenliebe übt Tom auch einen positiven
Einfluss auf andere aus, was ihn zusätzlich zu einer charakterlich
herausragenden Figur macht. Und selbst im Angesicht des Todes weicht er von
seiner aufrechten Haltung nicht ab und stirbt schließlich, weil er andere nicht
verraten will und sich selbst nicht verleugnen.
Im
Gegensatz zu Quentin Tarantinos Filmheld, dem Sklaven Django, sinnt Onkel Tom
zu keinem Zeitpunkt seines Leidenswegs auf Rache oder denkt an Flucht. Sein
Widerstand besteht daraus, dass er sein Denken und Handeln ganz auf seine
menschlichen Überzeugungen und christlichen Werten ausrichtet. Das bezahlt er
mit seinem Leben.
Natürlich
wäre Toms Haltung und sein moralisch einwandfreies Verhalten ein ziemlich
hehres Ziel für jeden von uns. Und die Verhältnisse unseres Lebens sind wohl
auch kaum mit seinen zu vergleichen. Trotzdem kann man sich, wie ich finde, in
Zeiten von wachsendem Rassismus und Egoismus auch ab und zu mal wieder an ihn
erinnern.
Brigitta
Maroshely, die Titelfigur aus Adalbert Stifters Erzählung „Brigitta“, ist
vermutlich heutzutage eine eher weniger bekannte Literaturheldin. Dennoch ist
sie ein besonderes Beispiel weiblicher Emanzipation, die Mitte des 19.
Jahrhunderts, als der Text erschien, sicher nicht selbstverständlich war. Aber
genau deshalb hat sie es verdient, dass man sich ab und zu an sie erinnert.
Brigitta
hat zu Beginn ihres Lebens sicher nicht die besten Voraussetzungen, da sie als
Kind so hässlich ist, dass selbst ihre Mutter sich von ihr abwendet. Deshalb
zieht sie sich meistens in ihr Zimmer zurück und wächst einsam und unverstanden
auf. Trotzdem legt sie ein nicht geringes Maß an Selbstbewusstsein an den Tag,
das Frauen in ihrer Situation heute vermutlich schwer fallen würde. Als der
hübsche Stephan Murai um sie wirbt, fordert sie von ihm entweder grenzenlose
Liebe oder Verzicht, also völlig kompromisslos alles oder nichts.
Und
ebenso kompromisslos trennt sie sich auch sofort von ihrem Mann, als er nur ein
einziges Mal fremdgeht. Nun ist sie alleinerziehende Mutter des gemeinsamen
Sohnes, verwaltet ihr eigenes Gut und verrichtet hauptsächlich Männerarbeit.
Ein solches Leben wäre auch heute noch ein gutes Beispiel für die überdurchschnittliche
Selbstbestimmung einer Frau.
Dazu
kommt, dass Stifter seine Protagonistin nicht nur als vernunftbegabt,
selbstständig und äußerst tatkräftig beschreibt, sondern auch als angenehm im
Umgang und mit einer schönen Seele ausgestattet. Sie ist also nicht nur
geradlinig und kompetent, sondern auch menschlich und sozial – eine Mischung,
die auch in unserem gegenwärtigen Zusammenleben unverzichtbar ist.
Smilla
Jaspersen, die Hauptfigur aus Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für
Schnee“, hat mich vor allem deshalb nachhaltig beeindruckt, weil sie so anders
ist. Das kann unter Umständen mit ihrer halb-inuitischen Abstammung zu tun
haben, weil sie dadurch nur sehr schwer mit der europäischen Kultur
zurechtkommt.
Beim
Lesen des Romans bekommt man schnell das Gefühl, dass die Gletscherforscherin Smilla
nicht nur beruflich mit Kälte zu tun hat. Zerrissen zwischen ihrer
grönländischen Herkunft und ihrem jetzigen Leben in Dänemark fristet sie ein
ziemlich isoliertes Dasein in einem Kopenhagener Wohnblock. Nur zu dem
Inuit-Jungen Jesaja, der zu Beginn des Romans ums Leben kommt, hat sie eine
engere Beziehung.
Smilla
besitzt eine scharfe, naturwissenschaftlich geschulte Kombinationsgabe und sagt
von sich selbst, ihre Liebe zur Mathematik sei größer als die zu den
Mitmenschen. Das erweckt einen eher kalten und gefühllosen Eindruck.
Nichtsdestotrotz macht sie sich daran, Jesajas mysteriösen Tod, hinter dem sie
einen Mord vermutet, aufzudecken, obwohl sie sich dabei immer wieder in
Lebensgefahr begibt.
In
der taz wurde Smilla einmal als „enorm sympathische, tieftraurige, zerrissene
Kratzbürste von überlegenem Intellekt“ bezeichnet. Damit ist sie wohl wirklich
anders als die meisten weiblichen Hauptfiguren und wahrscheinlich auch als ein
Großteil ihrer Leser. Sie ist mutig, intelligent, zynisch und von den Vorzügen
der materiellen westlichen Welt ziemlich unbeeindruckt.
Mit einem Wort: sie ist unangepasst. Sie hat ihren eigenen Kopf und lässt sich auch durch massiven Druck und Drohungen nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Und das macht sie gerade in der heutigen Zeit, wie ich finde, äußerst sympathisch und nachahmenswert.
Eine
Romanfigur, die sicher vielen von uns bereits in der Schulzeit begegnet ist,
ist Jakob Heym aus Jurek Beckers Buch „Jakob der Lügner“. Auch sie dürfte den
meisten positiv in Erinnerung geblieben sein und ist in Zeiten von Donald Trump
und sozialen Netzwerken vielleicht aktueller denn je. Und das obwohl Jakobs
„Fake News“ im Gegensatz zu den meisten unserer Falschmeldungen deutlich
erfreulichere Auswirkungen haben.
Um
den mit ihm in einem Ghetto lebenden Menschen Hoffnung auf Besserung zu geben,
behauptet Jakob, ein Radio zu besitzen. Da das im Ghetto verboten ist, bringt
er sich mit dieser Lüge in Gefahr, vor allem als sich die Nachricht vom Radio
wie ein Lauffeuer verbreitet. Jakob beweist also großen Mut, um anderen zu helfen.
Mit
seinen angeblichen Informationen vom Vormarsch der Russen und der dadurch
nahenden Befreiung des Ghettos bewirkt Jakob, dass die in Lethargie Verfallenen
wieder neuen Lebensmut schöpfen und die Heißblütigen weniger Risiko eingehen.
Er übernimmt also durch das bewusste Lügen Verantwortung für das Leben anderer. Sein
unauffälliges, fürsorgliches und gewissenhaftes Wesen unterstützt ihn dabei.
Sehr
bald trägt er schwer an dieser Verantwortung, die sich im Grunde über die
gesamte Einwohnerschaft des Ghettos erstreckt. Jeder baut auf Jakob und sein
Radio. So bleibt ihm nichts anderes übrig als immer weiter zu lügen, um seiner
Verantwortung gerecht zu werden. Das Leben vieler Menschen liegt sozusagen in
seinen Händen.
Dass
er mit seiner Verantwortung nicht leichtfertig umgeht, zeigt sich in den
Zweifeln und Gewissensbissen, die ihn immer wieder plagen. Dadurch
unterscheidet er sich ganz deutlich von Donald Trump und Konsorten, die genau
das offensichtlich gar nicht kennen. Das Bewusstsein der eigenen Verantwortung
für andere Menschen, Tiere, Pflanzen, etc. ist etwas, das in unserer Welt immer
wieder fehlt.
Jakob
aber übernimmt Verantwortung. Er hat das nicht geplant oder gewollt, jedoch als
es soweit ist, macht er keinen Rückzieher, sondern stellt sich seiner Verantwortung.
Dieses Verhalten kann auch fast 50 Jahre nach Erscheinen des Romans noch als
Vorbild dienen.
Eine
der beeindruckendsten Romanfiguren der Literaturgeschichte ist für mich der
Anwalt Atticus Finch aus Harper Lees Buch „Wer die Nachtigall stört“. In seiner
absoluten Vorurteilsfreiheit und Rechtschaffenheit ist er ein gelungenes
Beispiel für ganz selbstverständlich praktizierte Menschlichkeit. Als solches
ist er in der heutigen Zeit, vor allem auch in Amerika, wieder aktueller denn
je.
Atticus
Finch ist alleinerziehender Vater und für seine Kinder Freund, Vertrauter,
Lehrer und Autorität zugleich. In Zeiten von Rassismus, Intoleranz und
Vorurteilen schafft er es bravourös, ihnen grundlegende Werte so zu vermitteln,
dass sie diese nicht nur ganz selbstverständlich verinnerlichen, sondern auch deren
Inhalt und Bedeutung verstehen.
Als
Anwalt vereinigt Atticus sowohl Intelligenz als auch einen unerschütterlichen
Gerechtigkeitssinn in sich. Im Gerichtsverfahren gegen den schwarzen
Farmarbeiter Tom Robinson verteidigt er den Angeklagten mit Scharfsinn und Vorurteilsfreiheit,
obwohl er dafür wiederholt angefeindet wird und sich selbst sogar in Gefahr
bringt. Er steht auch in der ausweglosesten Situation für seine Überzeugung ein
und lässt sich in keinster Weise davon abbringen.
Seinen
Kindern vermittelt er ausnahmslose Gewaltlosigkeit und Respekt vor jedem
einzelnen Menschen, auch vor den Außenseitern der Gesellschaft. Dabei lässt er
sich weder von kindlichem Charme noch von der Sturheit seiner Tochter Scout aus
dem Konzept bringen. Trotz aller Geradlinigkeit bleibt er in jeder Lage ruhig
und besonnen und lässt sich nie auch nur im Geringsten provozieren.
Was
aber Atticus Finch in seiner Vorbildhaftigkeit auch noch sympathisch macht, ist
die Tatsache, dass er seine vielen positiven Eigenschaften mit solcher Selbstverständlichkeit
und Unaufdringlichkeit lebt, dass man sich sicher des Öfteren eine Scheibe
davon abschneiden könnte. Somit hat Harper Lee damals eine Romanfigur
geschaffen, die auch nach über 50 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat
und in unserer heutigen Welt wichtiger wäre denn je.
Im
Laufe eines jahrzehntelangen Lese-Lebens kommen wir mit den unterschiedlichsten
Bücherhelden in Berührung. Manche begleiten uns lediglich eine relativ kurze
Wegstrecke, weil sie eher dünne Werke bevölkern. Andere treiben auf vielen
hundert Seiten ihr Unwesen und wieder andere sogar in mehreren Bänden einer
Geschichtenfolge.
Abgesehen
vom Umfang eines Buches kann es passieren, dass wir das eine oder andere Werk im
Laufe der Jahre immer wieder zur Hand nehmen und auch mehrmals lesen. Diese
Bücherhelden begleiten uns dann ein Leben lang und hinterlassen einen
entsprechend großen Eindruck bei uns. Und es gibt auch Literaturfiguren, die
wir für immer im Gedächtnis behalten, obwohl wir das entsprechende Buch nur ein
oder zwei Mal gelesen haben.
Ein
Protagonist kann also aus unterschiedlichen Gründen einen bleibenden Eindruck
bei uns hinterlassen. Entweder weil er uns gleich bei der ersten Begegnung
nachhaltig beeindruckt oder aber weil wir ihn über viele Jahre immer besser und
intensiver kennenlernen. Mit den Bücherhelden ist es demnach wie mit
Bekanntschaften in der Realität. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick oder auch
über längere Zeit gewachsene Freundschaften. Manchmal wünscht man sich sogar,
dass es die entsprechende Figur so auch in der Wirklichkeit gäbe und wir ihr
einmal begegnen dürften.
Um
die Bücherhelden, die uns ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf gehen und
deren Nähe wir unter Umständen immer wieder suchen, soll es in diesem Blog in
den kommenden Monaten gehen. Zunächst kann ich dabei natürlich nur von dem
Eindruck ausgehen, den bestimmte Protagonisten bei mir selbst hinterlassen
haben. Vielleicht kommt aber auch im Laufe der Zeit der eine oder andere
Beitrag von den Lesern dieses Blogs dazu. Unter Umständen handelt es sich dabei
auch um Figuren, die ganze Generationen besonders geprägt haben.
Welche
Bücherhelden haben Euch nachhaltig beeindruckt? Welche Geschichten nehmt Ihr
immer wieder zur Hand? Und welche Figuren werdet Ihr nie vergessen, weil sie
Euch irgendwann einmal ein unvergessliches Leseerlebnis beschert haben? Sicher
ergibt sich im Austausch über die ganz Großen der Literatur auch die eine oder
andere Lektüreempfehlung für das Jahr 2018…