Der
erste Satz ist der wichtigste. Allerdings wahrscheinlich auch der schwierigste.
Der erste Satz eines Textes, vor allem eines Romans, ist ähnlich bedeutend wie
der Titel. Klingt komisch, ist aber so. Die Entscheidung, ein Buch im Laden in
die Hand zu nehmen, trifft der potentielle Leser meistens aufgrund von Cover
und Titel. Doch wenn er es erst einmal in der Hand hat, muss ihn der Anfang des
Textes überzeugen. Findet er den ersten Satz langweilig, zu durchschaubar oder
stilistisch nicht ansprechend, so wird er niemals weiterlesen und in Erwägung
ziehen, das Buch zu kaufen.
Die
Bedeutung des ersten Satzes macht das Schreiben nicht gerade einfacher. Schließlich
beginnt man in den meisten Fällen mit dem Anfang der Geschichte. Natürlich kann
man den ersten Satz während der Entstehung des Romans jederzeit wieder ändern.
Und auch nach Vollendung des Textes hindert den Schriftsteller niemand daran,
an der Formulierung zu feilen oder sogar etwas ganz anderes zu schreiben.
Trotzdem
geht es mir so, dass ich den ersten Satz gerne schon am Anfang so schreibe, wie
ich ihn später auch lassen möchte. Und tatsächlich sind die ersten Sätze meiner
Romane und Geschichten jedes Mal bis zum Schluss so geblieben, wie ich sie zu
Beginn meiner Arbeit formuliert habe. Das allerdings macht die Hemmschwelle vor
dem Start des Schreibens nicht gerade kleiner. Die Tatsache, dass der erste
Satz am besten gleich sitzen sollte, bringt mich dazu, die Arbeit an einem
neuen Text erst einmal vor mir her zu schieben.
Manchmal
weiß ich den ersten Satz sofort. Manchmal geht er mir schon einige Tage im Kopf
herum, bis ich mich entschließe, ihn so zu lassen und aufzuschreiben. Bei
meinem ersten Roman hatte ich zu Beginn nichts als den ersten Satz. Und daraus
ergab sich die ganze Geschichte. Wenn er sich allerdings nicht automatisch
ergibt oder aufdrängt, wird es schwieriger. Denn wie recherchiert man
eigentlich den ersten Satz?
Fortsetzung
folgt…
Schreiben
oder nicht schreiben – das ist hier die Frage! Zumindest so lange man als
Schriftsteller noch nicht an einem neuen Projekt arbeitet. Ideen hat man immer
wieder, auch in Zeiten des Nicht-Schreibens. Doch diese Ideen in die Tat
umzusetzen, kostet dann doch einiges an Überwindung, so komisch das auch klingen mag.
Je
länger die Phase des Nicht-Schreibens dauert, desto höher wird die
Hemmschwelle, wieder anzufangen. Zu viele Wenns und Abers stehen im Raum, bevor
man tatsächlich etwas Neues in Angriff nehmen kann. Da ist zunächst einmal die
Angst, dass man das Schreiben durch mangelndes Training irgendwie verlernt hat.
Und falls das nicht der Fall ist, dass man es zumindest erst wieder üben muss,
bis man die alte Form erreicht hat.
Vermutlich
sind nicht alle Schriftsteller so ungeduldig wie ich. Aber ich würde am
liebsten alles immer sofort genauso aufschreiben wie es dann im Endeffekt auch
bleiben soll. Fingerübungen und Tonleitern vor der Aufführung einer Symphonie
scheinen da nur aufzuhalten. Was die Hemmschwelle zu Beginn eines neuen
Projektes nicht gerade verkleinert. Im Gegenteil.
Das
eine ist also die Angst vor der fehlenden Funktionsfähigkeit des Handwerks, das
andere die vor der mangelnden Tragfähigkeit des Stoffes. Wenn ich wieder
anfange zu schreiben – und sei es auch nur ein Exposé -, kann es passieren,
dass ich früher oder später merke, dass meine Idee nicht so funktioniert wie
ich dachte. Oder vielleicht stellt sich heraus, dass die Geschichte zu wenig
umfangreich für einen ganzen Roman oder etwas Entsprechendes ist.
Bevor
mir das passiert, schiebe ich den Beginn des Schreibens und damit die
Erkenntnis, dass das nicht so klappt wie erhofft, lieber noch ein wenig vor mir
her. Und denke noch ein paar Tage drüber nach. Allerdings habe ich dann auch
erst mal nicht das Erfolgserlebnis, dass es eben doch so funktioniert wie
erwartet. Und eventuell sogar noch besser.
Deshalb
überwinde ich immer wieder die Hemmschwelle vom Nicht-Schreiben zum Schreiben.
Und in den meisten Fällen sogar mit Erfolg…
Eigentlich
wünscht man sich als Schriftsteller nichts mehr als ein gesteigertes Interesse
an den eigenen Ideen und Geschichten. Was wären wir schließlich ohne unsere
Leser, die natürlich ein solches Interesse mitbringen sollten? Aufmerksamkeit
verschiedenster Art ist also ein ganz wichtiger Bestandteil des Schriftsteller-Daseins.
Zumindest
wenn man einen Roman oder irgendeine andere Art von Geschichte fertig
geschrieben hat und mit dem Endergebnis zufrieden ist. Immerhin hat schon so
mancher Autor wer-weiß-was angestellt, um das öffentliche Interesse auf sein
Werk zu lenken. Und nicht unbedingt jede Art, Aufmerksamkeit zu erregen, ist
auch frei von Peinlichkeiten oder ähnlichem. Egal. Das soll hier nicht das
Thema sein.
Was
passiert aber, wenn einem als Schriftsteller eine irgendwie geartete
Aufmerksamkeit schon zuteilwird, wenn man noch kein Werk vollendet, ja noch
nicht einmal angefangen hat? Was tun, wenn der eigene Agent, Verlag oder
vergleichbare Stellen interessiert nach neuen Ideen oder gar nach den ersten
Seiten beziehungsweise Kapiteln fragen?
Dann
ist auf einmal die sonst so gern gesehene Aufmerksamkeit gar nicht mehr so
angenehm. Dann muss man entweder vertrösten oder eben liefern. Und beides kann
ganz schön unangenehm werden, wenn man nicht total abgebrüht oder eine Art
Ideenmaschine ist. Und welcher Schreibende ist das schon?
Im
Gegenteil. Ist es für einen kreativ Arbeitenden nicht sogar total
kontraproduktiv, von äußeren Einflüssen komplett unbeeindruckt und auf
Knopfdruck parat zu sein? Oder ist das am Ende nur eine beliebte Ausrede von
uns Künstlern, mit der wir unser Unvermögen kaschieren wollen?
Vermutlich
kommt da von allem ein bisschen zusammen. Manchmal ist es wichtig, sich nicht
von Forderungen blockieren zu lassen. Und manchmal geht es ohne diese
Forderungen nur halb so gut. Wahrscheinlich hängt das einfach vom Typ des
jeweiligen Schriftstellers ab. Denn da gibt es durchaus ziemlich
unterschiedliche…
Eigentlich
könnte man meinen, dass bei einem Schriftsteller, der gerade nicht an einem
neuen Werk arbeitet (ja, so etwas gibt es durchaus), die Ideen nur so sprudeln
würden. Immerhin braucht er sein Gehirn dann nicht für die Schaffung einer
Geschichte oder die Konzeption einer Figur. Vielleicht hat er sogar noch einen
nicht besonders kreativen anderen Job, der ihm in punkto Schöpfertum viel
Freiraum lässt.
Ein
Schriftsteller, der gerade nicht schreibt, müsste sich also vor neuen Einfällen
kaum retten können. Leider ist das aber nicht unbedingt so. Zumindest bei mir
nicht. Wenn ich nicht schreibe, habe ich auch deutlich weniger Ideen als wenn
ich an einer Geschichte arbeite. Viele Ideen kommen erst beim Schreiben. Wenn der
Anfang gemacht ist, ergibt sich oft aus dem Geschriebenen das Folgende und so
weiter.
Zu
Beginn meiner Autorenlaufbahn war ich der Meinung, ich könnte erst mit dem
Schreiben beginnen, wenn sich die Ideen in meinem Kopf zu einem
zusammenhängenden Ganzen formiert hatten. Doch schon nach kurzer Zeit merkte
ich, dass Schreiben so nicht funktioniert – zumindest bei mir nicht. Meistens
ergibt sich erst beim Schreibvorgang die aus den Ereignissen resultierende
Geschichte. Fast so als würde man sie in Echtzeit erleben.
Die
Nicht-Schreib-Phase eines Schriftstellers wird also oft nicht von den Ideen,
sondern vom Schreiben an sich beendet. In den Phasen des Nicht-Schreibens sind
die Ideen nämlich meist äußerst rar. Beginnt man jedoch einfach mal mit dem
Aufschreiben eines ersten Gedankens, sprudeln die Einfälle oft als hätten sie
nur auf diesen Startschuss gewartet.
Man
sollte sich also als Schreibenichts auf keinen Fall vom Ausbleiben neuer Ideen
ins Bockshorn jagen lassen. Lieber einfach mal hinsetzen und mit einem Gedanken
– und sei er auch noch so klein – anfangen. Oft ist man dann überrascht, wie
schnell aus einem kleinen Gedanken ein zweiter und noch einer und schließlich
eine ganze Geschichte wird…
Nicht
nur die alten Bekannten, die bereits existierenden Protagonisten können einen
Schriftsteller nerven, wenn er gerade nicht an einem Werk arbeitet. Auch neue,
noch nicht geschaffene Figuren spuken uns Autoren gerne im Kopf herum.
Schließlich stellt sich immer wieder mal ein neuer Mitbewohner in meiner
fiktionalen Wohngemeinschaft vor.
Was
aber macht man als Autor, wenn man gerade keinen Sinn für Romane oder
Geschichten hat und trotzdem die Idee einer Figur sozusagen an der Tür
klingelt? Das Problem dabei ist, dass der Einzug eines neuen Protagonisten in
der WG leider keine Sache von ein paar Stunden ist, sondern eine ausführliche
Figurenkonzeption nach sich ziehen müsste, wenn er Sinn machen soll.
Natürlich
kann man den ungebetenen Besucher einfach vor der Tür stehen lassen und nicht
in die Wohnung bitten. Dann besteht allerdings die Gefahr, dass er entweder
immer wieder klingelt und einen trotzdem nicht in Ruhe lässt oder dass er sich
nie mehr meldet. In diesem Fall hätte man eine eventuell interessante
Romanfigur leichtfertig abgewiesen und bei Bedarf dann auch nicht mehr zur
Verfügung.
Also
lieber ein wenig mit dem neuen Mitbewohner beschäftigt als zu schnell auf den
neuen Kontakt verzichtet? Wahrscheinlich hängt der passende Umgang mit
ungeladenen Gästen einfach von der konkreten Situation ab. Manchmal kann man
sich einfach nicht länger mit neuen Romanfiguren abgeben, weil man zu viel
anderes im Kopf hat. Doch sollte man sich als Schriftsteller dessen bewusst
sein, dass die Idee einer Figur auch schnell wieder vergessen ist, wenn man sie
nicht konsequent verfolgt.
Natürlich
kann man einwenden, dass die guten und wirklich spannenden Protagonisten sich
nicht so schnell abweisen lassen und sowieso immer wieder anklopfen. Und das so
lange bis sie endlich in die Tat umgesetzt werden und ihre Geschichte erzählt
wird. Doch wenn ich darüber nachdenke, wie viele Ideen ich in meiner
Autorenlaufbahn schon hatte und aus mangelnder Zeit oder Muße nicht verfolgt
und somit wieder vergessen habe, komme ich zu dem Schluss, dass sich eine kurze
Auseinandersetzung mit einer neuen Figur eben auch in Phasen des
Nicht-Schreibens durchaus lohnen kann. Zu sehr sollte man sich nicht darauf
verlassen, dass der potentiell neue Mitbewohner die Geduld beweist, einem so
lange auf die Nerven zu gehen bis man sich gnädig herablässt, ihn in die
fiktionale Wohngemeinschaft aufzunehmen.
So
komisch das klingt, das Nicht-Schreiben ist für einen Schriftsteller vermutlich
schwieriger als das Schreiben. Zwar gibt es beim Schreiben so unangenehme
Nebenerscheinungen wie Abgabefristen, Verlagsvorgaben und Ideenengpässe, doch
das ist nichts gegen die Phasen, in denen kein Werk entsteht.
Nun
gut, unmittelbar nach der Fertigstellung eines Romans ist es auch mal für eine
gewisse Zeit ganz okay, außer ein paar E-Mails oder Notizen nichts zu schreiben.
Wenn man mal von dem Loch absieht, in das man fallen kann, wenn ein längerer
Schaffensprozess sein Ende gefunden hat. Doch was kommt danach? Wie geht es
weiter?
Die
interessierte Frage von Freunden oder Lesern „Und? Ist das nächste Buch schon
in Arbeit?“ kann erheblichen Druck erzeugen oder den bereits vorhandenen Druck
ungewollt verstärken. Ganz abgesehen davon, was passiert, wenn einem diese
Frage von Agentur- oder Verlagsseite gestellt wird. Welcher Autor traut sich in
einem solchen Fall schon, ganz unbefangen mit einem fröhlichen „Nein“ zu
antworten?
Mir
zumindest fällt die Coolness bei diesem Thema ziemlich schwer. Ganz abgesehen
von dem schlechten Gewissen, das man sich selbst macht, wenn man seit längerem
kein Werk mehr vollendet oder gar angefangen hat. Da hat man als untätiger
Autor nur zwei Möglichkeiten: Entweder lügt man dem Fragenden ganz frech ins
Gesicht, was bei einem fremden Leser einfacher sein dürfte als beim eigenen
Lektor und was weitere, noch viel unangenehmere Fragen nach sich ziehen kann.
Oder
man setzt sich ganz schnell auf seinen Hosenboden und fängt an zu schreiben,
wofür man natürlich die entsprechenden Ideen und auch noch genügend Zeit
braucht. Manchmal jedoch ist das die einfachste Variante, den ewigen Fragen
nach dem nächsten Werk mit Gelassenheit begegnen zu können. Auch wenn es
komisch klingt: Schreiben ist für einen Schriftsteller des Öfteren die Lösung
aller oder zumindest der meisten Probleme…
Was
passiert eigentlich in meiner fiktionalen Wohngemeinschaft, wenn ich mal nicht
schreibe? Was machen meine Mitbewohner, die Romanfiguren, wenn gerade kein
neues Werk in Arbeit ist? Schließlich hat man als Autor auch mal Phasen, in
denen nichts geschaffen wird und sogar gar nichts geschaffen werden kann. Das
könnte an einer Schreibblockade liegen oder auch nur an einem anderen Job. Die
wenigsten Schriftsteller sind in der glücklichen Lage, vom Schreiben allein leben
zu können.
Doch
unsere Romanfiguren existieren weiter – in den Büchern, die wir verfasst haben
und in unseren Köpfen und den Köpfen unserer Leser. Was also passiert mit
ihnen, wenn wir nicht kreativ sind, wenn wir sozusagen eine literarische
Schaffenspause einlegen? Zunächst einmal hängt die Antwort auf diese Frage
nicht unwesentlich davon ab, was wir Autoren auf diesem Gebiet zulassen, also
wieviel Raum wir unseren Figuren trotzdem geben.
Natürlich
kommt es häufig vor, dass man von Lesern auf die eine oder andere Figur
angesprochen wird. In diesem Moment meldet sich dieser Protagonist zu Wort,
macht wieder auf sich aufmerksam. Dann ist es, als käme ein weit gereister
Mitbewohner wieder aus dem Urlaub zurück. Manchmal bleibt er dann länger zu
Hause, beschäftigt einen auch noch nach dem Gespräch für einige Zeit oder eben nicht.
Eine
Romanfigur, die Protagonist mehrerer Bücher ist, wie zum Beispiel der Kommissar
einer Krimireihe oder ähnliches, bringt sich sicher noch häufiger und auch ganz
eigenständig in Erinnerung. Eine solche Figur meldet sich vermutlich auch ohne
äußere Einwirkung zu Wort. Schließlich hat sie ein Anrecht darauf, in weiteren
Werken agieren zu dürfen.
Unangenehm
wird es dann, wenn einem die Romanfiguren so penetrant im Nacken sitzen, dass
einem die eigene Schreibuntätigkeit immer wieder schmerzhaft bewusst wird. Dann
werden die Geschöpfe sozusagen zum Über-Ich und verursachen im schlimmsten Fall
schlechtes Gewissen. Was vielleicht ab und zu auch ganz hilfreich sein kann,
weil man auch als Autor ab und zu einen kleinen Tritt in den Hintern gut
brauchen kann. Und wenn die eigenen Protagonisten das dann übernehmen, umso
besser…