Samstag, 1. Dezember 2018

Bücherhelden-Adventskalender (1)

Los geht's mit dem Bücherhelden-Adventskalender!
Ab heute findet Ihr in meinem Blog wieder jeden Tag eine Frage zu berühmten Literaturfiguren. Einige Buchstaben der richtigen Antworten ergeben in der angegebenen Reihenfolge an Weihnachten den Ausspruch eines bekannten zeitgenössischen Schweizer Schriftstellers.
Viel Spaß beim Rätseln und Zurückerinnern an so manche spannende Lektüre!
 
1. Wie ist der Vorname des Hotelangestellten, der sich in Marie Fontaines Roman „Ein Winter voller Blumen“ in die Blumenhändlerin Fleur verliebt?
2. bis 4. Buchstabe
 
Bis morgen!

 

Freitag, 30. November 2018

Alle Jahre wieder...

Morgen ist es wieder soweit: der Bücherhelden-Adventskalender startet!

Ab 1. Dezember findet Ihr in meinem Blog wieder, wie in den vergangenen Jahren, jeden Tag eine Frage zu berühmten Literaturfiguren. Einige Buchstaben der richtigen Antworten ergeben in der angegebenen Reihenfolge an Weihnachten den Ausspruch eines bekannten zeitgenössischen Schweizer Schriftstellers.

Viel Spaß beim Türchen-Öffnen!

Mittwoch, 28. November 2018

Von Harry Haller und der Gesellschaft

Ein Roman, der mich in meiner Jugend ebenfalls extrem beeindruckt hat, war „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse. Und das lag mit Sicherheit vor allem an der Darstellung der Hauptfigur Harry Haller. Die Zerrissenheit seiner Persönlichkeit bietet dem Leser sehr viel Raum für die eigene Identifikation. Denn wer kennt das Gefühl nicht, zwischen verschiedenen Welten hin-und hergerissen zu sein und sich nur schwer für eine von zwei gegensätzlichen Vorstellungen entscheiden zu können?
Nach außen versucht Harry, sich den Umgangsformen der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen, in seinem Inneren ist er allerdings mit den Wertvorstellungen eben dieser Gesellschaft nicht einverstanden. Für ihn ist die bürgerliche Vorstellung von Moral und Werten zu oberflächlich, was ihn in der heutigen Zeit wieder besonders aktuell erscheinen lässt. Wie ich finde, macht ihn vor allem sein innerer Widerstand gegen das mangelnde Bewusstsein der Gesellschaft ziemlich sympathisch.
Er ist ein Mensch, der in eine Zeit hineingeboren wurde, zu der er seiner Meinung nach nicht passt. Er ist gegen Krieg und muss doch in der Zeit zwischen zwei Kriegen leben. Er verabscheut das Konsumtreiben und lebt doch in einer Welt, in der Konsum für die meisten Menschen immer wichtiger wird. Gerade bei diesen Themen kann man sich in unserer Zeit als bewusster Mensch auch schon mal ein wenig fehl am Platz vorkommen.
Seine sozial- und kulturkritische Seite macht Harry Haller zur idealen Identifikationsfigur für alle, die ebenfalls an der Oberflächlichkeit der Gesellschaft, in der sie leben, leiden. Dass er trotz massiver Schwierigkeiten innerlich an seinen Idealen festhält und in der Hauptsache durch Musik und Dichtung Freude empfindet, weckt vermutlich das Interesse des einen oder anderen Künstlers.

Lediglich den erwogenen Ausweg aus seiner Misere, den Harry in einem Selbstmord an seinem 50. Geburtstag sieht, halte ich für nicht besonders vorbildhaft. Denn eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse erreichen wir vermutlich am wenigsten durch Flucht und den Rückzug aus der Öffntlichkeit. 

Dienstag, 6. November 2018

Von Emma Bovary und dem Bürgertum

Eine der ersten Identifikationsfiguren meiner Laufbahn als Leserin von „Erwachsenenliteratur“ war die Titelheldin Emma aus Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“.  Dass die Geschichte bei ihrer Erstveröffentlichung im 19. Jahrhundert großes Aufsehen erregte, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Darstellung der Arztgattin Emma Bovary nicht dem damals vorherrschenden Frauenbild entsprach.
Heute macht die außergewöhnlich hübsche und anmutige Emma auf uns einen etwas anderen Eindruck. In der Enge und Perspektivlosigkeit der bürgerlichen Existenz und der langweiligen Ehe mit einem behäbigen, naiven Landarzt erscheint sie in erster Linie als Opfer einer spießigen und egoistischen Welt, die ihr zu wenig Möglichkeiten eröffnet. Außerdem wird sie von ihren Liebhabern nicht besonders gut behandelt, um nicht zu sagen ziemlich im Stich gelassen.
Die Tatsache, dass Emma sich ganz offensichtlich nicht in ihre Rolle als brave Arztgattin und Mutter fügen will, macht sie aus heutiger Sicht schon fast zu einer emanzipierten Frau. Dass sie in ihrem gesellschaftlichen Ehrgeiz und ihrer romantischen Verklärung dabei die falschen Mittel wählt, lässt sie, meiner Meinung nach, zu einer der großen tragischen Heldinnen der Literatur werden.
Als realistisch gezeichnete Romanfigur hat Madame Bovary sowohl gute als auch schlechte Seiten. Sie ist hübsch, selbstbewusst, interessiert an Musik und Literatur und strebt nach Höherem. Im Gegensatz zu ihrem langweiligen, durchschnittlich begabten Ehemann Charles erscheint sie als die deutlich Gewandtere und Idealistischere.
Allerdings ist ihr romantischer Idealismus stark geprägt von Trivialliteratur, was ihr eine gewisse Naivität verleiht. Außerdem kreist sie in ihrem Streben nach Höherem in der Hauptsache um sich selbst und denkt so gut wie gar nicht an ihren Mann oder an ihre Tochter. Ihr Egoismus geht sogar so weit, dass sie ihre Familie in den finanziellen Ruin treibt, um sich mit Luxus von ihrem deprimierenden Leben abzulenken.
Dass sie sich bis zu ihrem tragischen Tod nicht fügen will, macht Emma Bovary zu einer sehr selbstbestimmten Literaturheldin, was in der damaligen Zeit bestimmt nicht gang und gäbe war. Gegen die Wahl ihrer Mittel dagegen kann man in diesem Zusammenhang sicher diverse Einwände haben.

Dienstag, 18. September 2018

Von Atréju und der Furchtlosigkeit

Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ ist sicher auch heute noch ein Buch, das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistert. Und das, obwohl es lange vor Harry Potter und dem allgemeinen Fantasy-Boom in Literatur und Film erschien. Beim ersten Lesen begeisterte mich als Jugendliche in der Erzählung am meisten die zweite Hauptfigur Atréju.
In ihr hat Michael Ende nicht nur zahlreiche positive Eigenschaften vereint, sondern auch diverse Anlehnungen an andere große Literaturhelden vorgenommen. So trägt der zehnjährige Atréju sowohl Züge von Karl Mays Winnetou als auch des mittelalterlichen Parzival. Wie ersterer ist er gewandt, mutig, zu allem entschlossen, edel und ausdauernd und geht wie letzterer im Laufe der Geschichte auf eine große Heldenreise.
Im Gegensatz zu seinem Alter Ego Bastian ist Atréju voller Entschlusskraft und ohne Furcht. Nicht umsonst hat Ende seinen Namen aus dem Griechischen entlehnt, abgeleitet von „atreus“, das „furchtlos“ bedeutet. Obwohl Atréjus Umfeld, namentlich der Schwarzzentaur Caíron, daran zweifelt, ob ein kleiner Junge seines Alters der Großen Suche gewachsen ist, lässt sich Atréju durch den Zweifel in keinster Weise verunsichern. Er erkennt die Bedeutung der Aufgabe, die die Kindliche Kaiserin ihm zugedacht hat, und zögert nicht einen Augenblick, sich ihr zu stellen.
Atréju ist für Bastian, der Indianergeschichten mag, besonders die von Karl May, die perfekte Identifikationsfigur, weil er genau die Abenteuer erlebt, über die Bastian so gerne liest. Doch Atréju ist weit mehr für Bastian als nur eine Identifikationsfigur. Atréju werden in der Unendlichen Geschichte alle Eigenschaften zugeschrieben, die Bastian an sich selbst schmerzlich vermisst. Damit wird er rasch zu Bastians Ich-Ideal.
Mit seinen zahlreichen positiven Eigenschaften und der deutlichen Vorbildfunktion ist Atréju allerdings auch sehr schnell die perfekte Identifikationsfigur für den Leser des Romans „Die unendliche Geschichte“. Damit gehört er für mich zu den großen Bücherhelden.

Montag, 18. Juni 2018

Von Onkel Tom und der Nächstenliebe

Die Geschichte vom Schicksal des Onkel Tom war eines der Bücher, die mich in meiner Jugend besonders beeindruckt haben. Der Sklave Tom aus Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ vereint viele positive Eigenschaften in sich. Er ist gutmütig und fromm und kann keiner Fliege etwas zu leide tun. Obwohl ihm im Laufe seines Lebens viel Leid geschieht, wird er nicht verbittert und sinnt nicht auf Rache. Das beweist enorme menschliche Größe.
Selbst unter dem hartherzigen und brutalen Baumwollplantagenbesitzer Legree, der von sich sagt, dass bei ihm kein Sklave länger als sechs Jahre lebt, bleibt Tom seinen christlichen Werten treu. Als er Aufseher werden und andere züchtigen soll, weigert er sich, obwohl er daraufhin natürlich selber schwer misshandelt wird.
Durch seine praktizierte christliche Nächstenliebe übt Tom auch einen positiven Einfluss auf andere aus, was ihn zusätzlich zu einer charakterlich herausragenden Figur macht. Und selbst im Angesicht des Todes weicht er von seiner aufrechten Haltung nicht ab und stirbt schließlich, weil er andere nicht verraten will und sich selbst nicht verleugnen.
Im Gegensatz zu Quentin Tarantinos Filmheld, dem Sklaven Django, sinnt Onkel Tom zu keinem Zeitpunkt seines Leidenswegs auf Rache oder denkt an Flucht. Sein Widerstand besteht daraus, dass er sein Denken und Handeln ganz auf seine menschlichen Überzeugungen und christlichen Werten ausrichtet. Das bezahlt er mit seinem Leben.
Natürlich wäre Toms Haltung und sein moralisch einwandfreies Verhalten ein ziemlich hehres Ziel für jeden von uns. Und die Verhältnisse unseres Lebens sind wohl auch kaum mit seinen zu vergleichen. Trotzdem kann man sich, wie ich finde, in Zeiten von wachsendem Rassismus und Egoismus auch ab und zu mal wieder an ihn erinnern.

Freitag, 4. Mai 2018

Von Brigitta Maroshely und der Emanzipation

Brigitta Maroshely, die Titelfigur aus Adalbert Stifters Erzählung „Brigitta“, ist vermutlich heutzutage eine eher weniger bekannte Literaturheldin. Dennoch ist sie ein besonderes Beispiel weiblicher Emanzipation, die Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Text erschien, sicher nicht selbstverständlich war. Aber genau deshalb hat sie es verdient, dass man sich ab und zu an sie erinnert.
Brigitta hat zu Beginn ihres Lebens sicher nicht die besten Voraussetzungen, da sie als Kind so hässlich ist, dass selbst ihre Mutter sich von ihr abwendet. Deshalb zieht sie sich meistens in ihr Zimmer zurück und wächst einsam und unverstanden auf. Trotzdem legt sie ein nicht geringes Maß an Selbstbewusstsein an den Tag, das Frauen in ihrer Situation heute vermutlich schwer fallen würde. Als der hübsche Stephan Murai um sie wirbt, fordert sie von ihm entweder grenzenlose Liebe oder Verzicht, also völlig kompromisslos alles oder nichts.
Und ebenso kompromisslos trennt sie sich auch sofort von ihrem Mann, als er nur ein einziges Mal fremdgeht. Nun ist sie alleinerziehende Mutter des gemeinsamen Sohnes, verwaltet ihr eigenes Gut und verrichtet hauptsächlich Männerarbeit. Ein solches Leben wäre auch heute noch ein gutes Beispiel für die überdurchschnittliche Selbstbestimmung einer Frau.
Dazu kommt, dass Stifter seine Protagonistin nicht nur als vernunftbegabt, selbstständig und äußerst tatkräftig beschreibt, sondern auch als angenehm im Umgang und mit einer schönen Seele ausgestattet. Sie ist also nicht nur geradlinig und kompetent, sondern auch menschlich und sozial – eine Mischung, die auch in unserem gegenwärtigen Zusammenleben unverzichtbar ist.